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Silja "Was war ?"

 

    

Der Überfall

Still und friedlich lag das kleine slawische Dorf. Die niedrigen, halb in den Erdboden gebauten Häuschen der Knechte schmiegten sich um das große palisadenbewehrte Gehöft wie schlafende Küken um die Glucke. Ein leichter Wind kam auf, aber er störte kaum die vollkommene Stille. Der Morgen war nicht mehr weit. Und doch.... Aus den wabernden Frühnebeln auf den feuchten Wiesen erhoben sich plötzlich dunkle Gestalten. Beinahe lautlos, Gespenstern gleich, schlichen sie auf die Umzäunung zu. Sie trugen sperrige Gestelle, die wie Leitern aussahen. Ihre Silhouetten erschienen monströs im schwachen Sternenlicht des frühen Morgens. Hin und wieder ein leises Knarren von schwerem Leder und ein gedämpftes Klirren starken Eisens ließen erahnen, dass sie gut gerüstet und bewaffnet waren. Die Bewohner des großen Herrenhauses innerhalb der Umzäunung lagen noch ahnungslos im tiefen Schlaf. Sie wussten nicht, dass der Wächter am Tor bereits mit durchschnittener Kehle im Staub lag, sie bemerkten nicht, dass es plötzlich im Hof von dunklen Gestalten wimmelte.

Erst jetzt schlugen die Hunde an. Es war zu spät. Wie ein vernichtender Sturmwind drangen die fremden Männer in das Haus ein und schlugen erbarmungslos alles nieder, was sich ihnen in den Weg stellte. In aller Eile noch versuchte Jaroslaw, der Großbauer, seine Männer im Widerstand zu organisieren, doch schon bald sank er selbst mit gespaltenen Schädel zu Boden. Der Rest versuchte noch irgendwie zu entkommen, wurde aber gefangengenommen oder niedergemacht. Auch von den Häusern der Knechte her ertönten Siegesrufe. Es war alles furchtbar schnell gegangen, doch nun war der Spuk vorbei.

Noch einen Augenblick lang sahen sich die Eindringlinge mit grimmigen Gesichtern nach übriggebliebenen Feinden um. Dann aber wich die Anspannung einer wilden Freude über den Sieg. Brüllend schlugen sie sich gegenseitig auf die Schultern und Köpfe. Einer entfachte das Feuer an der Kochstelle. Kaum brannten die Scheite, entdeckten die Fremdlinge im hinteren Teil des Gebäudes die zusammengedrängte Schar der Frauen und Kinder. Sofort wurde das Johlen noch lauter, und aufgestachelt von der Hitze des Kampfes machten sich die Männer auf, von den Frauen Besitz zu ergreifen.

Voller Entsetzen sah Silja, die jüngere Tochter des Großbauern, einen hochgewachsenen Mann mit fransigem Bart auf sich zukommen. Zusammen mit ihrer Schwester Dunja hatte sie die Frauen und Kinder in den hinteren Teil des Raumes befohlen, in der verzweifelten Hoffnung, von den grausamen Eindringlingen nicht entdeckt zu werden. Doch nun gab es keine Hoffnung mehr.

Der Bärtige packte sie und wollte sie sich gerade über die Schulter werfen, als plötzlich ein dunkler Ruf ertönte: „Arnulf!“. Der Bärtige zögerte und drehte sich um. Vor ihn trat ein breitschultriger junger Mann mit dunklen Augen und einer Wunde am Kopf. Er redete auf den Bärtigen ein, wobei er mehrfach auf die Slawin deutete, bis dieser das Mädchen vor die Füße des anderen stieß und schulterzuckend davon ging. Der Breitschultrige trat jetzt zu Silja heran und sah ihr in die Augen. Sie erschrak, ihr war als hätte sie diese Augen schon einmal gesehen...

Es war am Tage vor dem Überfall gewesen, als zwei fremde Männer durch das Dorf kamen. Der eine sprach ein gebrochenes Slawisch, während der andere mit wachen Augen um sich schaute. Sie fragten nach dem nächstgelegenen Markt, ohne jedoch zunächst über sich irgendeine Auskunft zu geben. Jaroslaw, der immer und überall ein gutes Geschäft witterte war daraufhin neugierig geworden. Er lud die Männer zu einem Krug Bier ins Haus und versuchte ihnen ihr Geheimnis zu entlocken.

Das gelang ihm dann schneller, als er zunächst geglaubt hatte: Die beiden Nordmänner hatten sich anscheinend nach einem Handstreich gegen ein nahegelegenes Kloster mit ein paar Kleinodien von ihrer Truppe abgesetzt und wollten diese nun so schnell wie möglich loswerden, um den Gewinn in die eigene Tasche zu stecken.

Jaroslaw wusste nicht, ob er den Männern Glauben schenken sollte, doch dann zog der eine tatsächlich einen kleinen goldenen, mit einem blau schimmernden Saphir besetzten Ring aus der Tasche. Offensichtlich wollte er ihn wirklich schnell loswerden, bevor seine Kumpane merkten, dass er sie hintergangen hatte.

Gern hätte Jaroslaw dem Mann den Ring abgekauft, denn er suchte noch nach einer schönen Beigabe zur Mitgift für seine älteste Tochter, doch dieser nannte einen sehr hohen Preis. Zwar hatte der Großbauer kürzlich bei einem durchreisenden Händler allerlei Lebensmittel, Tonwaren und Tuch gegen Silber getauscht, doch was er auch an Silber bot, der Fremde ließ sich nicht umstimmen.

Während die Männer noch am Feuer saßen, kam Silja herein, um die Bierkrüge nachzufüllen. Sie sah den Ring und sie sah in die Augen des einen der beiden Männer. Es waren dieselben Augen in die sie jetzt blickte, die Augen des Mannes, der ihren Vater erschlagen, aber fast im gleichen Atemzug sie vor großer Schande bewahrt hatte und der jetzt mit blutverschmiertem Schwert vor ihr stand.

Noch bevor die ungebärdige Horde sich vollends der Frauen und Mädchen bemächtigen konnte, ertönte plötzlich eine laute Stimme. Dem Anführer der Truppe passte offensichtlich das wilde Gebaren seiner Leute nicht. Für einen kurzen Moment entbrannte zwischen ihm und einem der anderen Kämpfer eine hitzige Diskussion, in deren Ergebnis aber die Männer letztendlich und gegen ihren Willen von den Frauen abließen. Während Einige bei den Frauen und Kindern blieben, um sie zu bewachen, begannen die anderen alles im Haus und auf dem Hof nach wertvollen Sachen zu durchwühlen. Sie wurden fündig, hatte doch der leichtgläubige Jaroslaw tags zuvor nur allzu sehr mit seinen Silberschätzen geprahlt.

In großer Eile wurde nun alles zusammen getragen und getrieben: Lebensmittel, Wertsachen, Menschen und Vieh. Anschließend zündeten die Männer Hof und Hütten an und begannen ihre Beute in Richtung Meer zu schleppen. Der Breitschultrige hatte sich Silja auf die Schultern geladen, die sich nur noch schwach wehrte und trug sie mit sich fort. Er bemerkte die Blicke der anderen Krieger, die ihn sahen und nur verwundert die Köpfe schüttelten, nicht.

 

Die Überfahrt

Seit 10 Tagen nun schaukelte das Langschiff über die aufgewühlte See. Silja hockte in einer Nische in der Nähe des Mastes. Sie fühlte sich sterbenselend und dämmerte nur vor sich hin. Im Gegensatz zu den anderen Gefangenen war sie nicht gefesselt, doch das machte ihre Lage nicht unbedingt leichter. Obwohl sie die Sprache der fremden Männer nicht verstand, hatte sie doch mitbekommen, dass es wegen ihr an Bord schon zu schweren Auseinandersetzungen gekommen war. Insbesondere zwischen ihrem Retter, den alle Björn nannten, und einem älteren grauhaarigen Mann, dessen Züge eine seltsame Ähnlichkeit mit Björn zeigten, war es zu harten Diskussionen gekommen. Sie wusste, dass ihr Schicksal nur davon abhing, welcher von beiden sich letztendlich durchsetzen würde.

Doch mehr noch als ihre eigene Lage, bedrückte sie die Situation ihrer Schwester und der anderen Gefangenen. Zweifelsohne sollten sie auf dem nächsten Sklavenmarkt verkauft werden und mit großer Sicherheit hatte der fremde Anführer seine Männer auch nur deshalb zurückgerufen, als sie sich der Frauen bemächtigen wollten. Jungfrauen erzielten in der Regel einen höheren Preis. Wenn es auch nur irgendetwas genützt hätte, so hätte Silja sofort ihr Leben hergegeben, um das der anderen zu retten. Doch sie konnte nichts tun. Wie jeden Abend, so kam auch diesmal Björn zu ihr und bot ihr Essen und Trinken an. Doch sie ertrug es nicht, auch nur an Essen zu denken, während Dunja und die anderen Gefangenen hungern mussten. Trotzig erhob sie sich schwankend und wankte hinüber zu den Gefangenen. Sie hatte einen Entschluss gefasst: Eher wollte sie sterben, als noch länger die Schmach ihrer Landsleute mit ansehen zu müssen. Björn seufzte nur traurig und schüttelte den Kopf. Hinten am Steuerruder jedoch stand der alte Bern und lachte dröhnend.

Die Nacht hatte Silja im ruhelosen Halbschlaf verbracht. Ihre Sinne waren getrübt, ein dumpfer Druck lag auf ihrer Stirn. So glaubte sie fast, sich getäuscht zu haben, als sie eine leise Stimme neben sich hörte. Neben ihr rührte sich Dunja. Die Schwester sah sehr mitgenommen aus. Ihre Haare waren verklebt, ihre Lippen geschwollen und aufgeplatzt. Mühsam formten sie Siljas Namen. „Sei still, Schwesterchen“, flüsterte Silja, „Du bist zum Reden zu schwach.“ Doch Dunja schwieg nicht. „Hör zu, Schwesterchen, was ich Dir sage. Ich bin die Ältere von uns beiden und Du wirst auf mich hören.“ Sie machte eine Pause und schloss die Augen. „Ich werde sterben. Aber Du sollst leben. Ich habe das heute Nacht geträumt.“ „Dunja, was redest Du da!“ fragte Silja entsetzt. Der in der Nähe schlummernde Wachposten rührte sich. Dunja hob den Blick und sah Silja an. Plötzlich waren ihre Augen ganz klar und ihre Stimme deutlich, wenn auch schwach: „Ich träumte, wir wären zwei Tauben, ich eine graue und Du eine weiße. Wir flogen im Schwarm mit den anderen. Plötzlich kamen zwei Adler und stießen auf uns nieder. Der eine der Adler fing mich, doch bevor ich starb, sah ich noch, wie Du Dich in einer Felsspalte verstecken konntest. Der zweite Adler landete davor und versuchte, Dich mit seinem Schnabel zu erreichen. Doch plötzlich kam ein Bär und verscheuchte den Adler.“ „Aber Dunja, ein Bär ist doch nicht minder schrecklich für eine Taube als ein Adler!“ flüsterte Silja, doch Dunja schüttelte den Kopf. „Du kannst mir glauben, dieser Bär war es nicht. Er hat Dich gerettet. Halte Dich an den Bären.“ Dann schloss sie wieder die Augen und schwieg.

In der folgenden sternenklaren Nacht starb Dunja, ohne noch ein weiteres Wort zu sagen. Silja hatte keine Tränen mehr, sie starrte mit leeren Augen in den Nachthimmel. Ohne sich dessen bewusst zu sein, erfassten ihre Blicke das Sternbild des großen Bären. Dunjas letzte Worte kreisten durch ihren Kopf und wurden zu gaukelnden Bildern. Was nur sollten sie bedeuten? Sie fühlte, dass auch sie dem Tode nahe war und sie wollte sich nicht mehr wehren. Dort hin zu den unendlich weiten Sternen wollte sie ihre Seele fliehen lassen. Doch plötzlich sah sie die Sterne nicht mehr. Björns breite Gestalt stand vor ihr und er beugte sich zu ihr herab. Da durchfuhr sie wie ein feuriger Schauer die Erkenntnis, und dabei wusste sie noch nicht einmal, dass Björn in der Sprache der Nordmänner „Bär“ hieß.

 

Die Ankunft

Gegen Mittag des darauffolgenden Tages legte das Schiff im Hafen einer großen Handelsstadt an. Hier also wollten die Nordmänner ihr Raubgut und die Sklaven verkaufen. Noch einmal versuchte Silja verzweifelt, das Schicksal ihrer Landsleute zu teilen. Doch diesmal wurde sie barsch von Björn zurückgehalten und in den hintersten Winkel des Schiffes gepfercht. Wohl spürte Silja seine große Sorge, ihr könne etwas zustoßen und schließlich fügte sie sich. Die Wache auf dem Schiff übernahm Arnulf, der Bärtige, der zunächst Silja sich hatte zu eigen machen wollen. Doch während der Überfahrt hatte sie herausgefunden, dass ihn mit Björn eine enge Freundschaft verband. Solange Arnulf wachte, konnte sie sicher sein.

Insgesamt drei Tage lag das Schiff im Hafen, dann war das Raubgut verkauft und das Schiff mit wertvollen Waren schwer beladen. Die Mannschaft hatte ausgiebig gezecht und sich mit den Huren des Ortes vergnügt. So konnte man gut gelaunt den Heimweg antreten. Dennoch herrschte nicht eitel Sonnenschein an Bord und die Auseinandersetzungen zwischen Björn und dem alten Bern, der offensichtlich sein Vater war, wurden immer heftiger.

Silja hingegen hatte ihre Todesgedanken abgeschüttelt. Plötzlich lag ihr Schicksal klar und deutlich vor ihr. Sie würde sich an den Mann halten, der ihr in Dunjas Todesnacht im Sternbild des Bären erschienen war. So hatte Dunjas Traum es bestimmt und die Gewissheit, dass es eine Zukunft für sie geben würde, flößte ihr neuen Lebensmut ein. Sie fing wieder an zu essen und begann auf ihr Äußeres zu achten. Wenn Björn abends zu ihr kam, redete er mit ihr und allmählich kamen ihr fremdartigen Laute immer vertrauter vor. Als sie gar versuchte, sie nachzuahmen, erntete sie ein frohes Lächeln von seinem Gesicht.

Die Männer an Bord benahmen sich ihr gegenüber inzwischen beinahe zuvorkommend, nicht zuletzt deshalb, weil sie anfing, sich nützlich zu machen, soweit es ihr möglich war. Nur dem Anführer der Truppe und dem alten Bern ging sie möglichst aus dem Weg.

Die letzten Tage der Reise vergingen schnell und bald legte das große, reich beladene Schiff an seinen heimatlichen Gestaden an. Björn führte Silja von Bord. Sie war bereit, diesen fremden Ort als ihre neue Heimat anzunehmen. Doch sollte ihr Aufenthalt hier nur von kurzer Dauer sein. Sie ahnte nicht, dass sie schon bald auf eine noch viel weitere Reise gehen würde.

 

Aufbruch in die Fremde

Lange hatte Björn gehofft, dass sein Vater doch noch einlenken würde. Schließlich war er inzwischen ein erwachsener Mann und konnte für sich selbst einstehen. Hatte er nicht auf der langen Wikingfahrt mutig gekämpft? War er nicht tüchtig und eingeschickter Handwerker? Bewies er nicht in den Beratungen, dass er einen klugen Kopf hatte und das Wort wie ein scharfes Schwert gebrauchen konnte. Warum also sollte er sich nicht sein Leben so einrichten können, wie es ihm gefiel? Doch immer noch konnte er dem alten Bern nichts recht machen und noch immer bestand dieser darauf, besser zu wissen, was für den Sohn gut und richtig war.

Und jetzt auch noch die Geschichte mit dieser Slawin. Björn hatte das Mädchen einen Tag vor dem Überfall auf ihr Dorf gesehen und damals war sie noch frei gewesen. Er sah sie immer noch so vor sich, ihre leichten Bewegungen und ihr freundliches Lächeln und er wusste, wenn er jemals daran denken konnte, mit ihr verbunden zu sein, dann konnte dies nur in Freiheit geschehen. Doch der Vater wollte davon nichts hören. Davon nichts und auch nichts von einer Heirat seiner Tochter und Björns Schwester Svea mit Arnulf, den er insgeheim als Hungerleider und Taugenichts beschimpfte. Björn sah für sich keinen Ausweg mehr. Er musste sich eine andere Heimat suchen und er wollte Arnulf überreden, ihn zu begleiten. Vielleicht hatten sie ja in der Fremde mehr Glück und konnten zu Ansehen und Reichtum gelangen. Hier auf dem Hof des Großbauern Snorrison und unter der Fuchtel des alten Bern würde es ihnen mit großer Wahrscheinlichkeit jedenfalls nicht gelingen.

 

Es war ein lauer Frühlingsabend, als sich Silja und Björn am Ufer der Fjords trafen. Der Winter war hart gewesen, nicht nur der Kälte und der Entbehrungen wegen. Auch die Vorbehalte der Menschen gegen ihre Verbindung lasteten immer schwerer auf den beiden. Björn war es gelungen, Arnulf zu bewegen, mit ihm zusammen Lindholm zu verlassen, doch nur unter der Bedingung dass Svea mitkäme. „Du willst doch Silja auch mitnehmen und ich weiß, dass Svea mich liebt. Ich kann es einfach nicht ertragen, ohne sie loszuziehen und sie vielleicht nie mehr wiederzusehen.“ sagte er.

Natürlich waren sich die beiden Männer bewusst, dass ihre Fahrt dadurch gefährlicher und beschwerlicher werden würde. Sie hatten nicht nur die Verantwortung für sich selbst zu tragen, und wer weiß, vielleicht kämen dann eines Tages sogar noch Kinder mit hinzu. Dennoch waren sie bereit, alles auf sich zu nehmen und sie wussten, ihre Frauen waren es auch.

„Morgen gehen wir los.“ sagte Björn zu Silja, als sie am Ufer zusammensaßen. Sie senkte den Kopf, denn sie wusste nicht, ob sie sich freuen sollte oder nicht. Ihr Stand bei den Frauen und Mädchen des Hofes war nicht der beste, obwohl sie klug und fleißig war und das Leben auf dem Hof, ohne mit Björn wirklich zusammen sein zu können, war ihr eine Qual. Dennoch fürchtete sie sich vor den Unwägbarkeiten einer Reise in die Fremde.

„Bist du bereit?“ fragte Björn und sah sie an. Silja nickte. Ja, sie würde mit ihm gehen, gleich was geschehen würde. „Dann nimm das hier, es soll ein Zeichen unserer Verbindung sein. Und wenn Du in Not gerätst, ist es Dir vielleicht eine Hilfe.“ Und er holte aus seine Tasche den kleinen goldenen Ring mit dem blau schimmernden Saphir und streifte ihn ihr auf.

Der Marketendertross

Vier Jahre lang streiften Arnulf, Svea, Björn und Silja durch die Fremde. Immer wieder versuchten sie Fuß zu fassen und sich irgendwo eine Existenz aufzubauen. Doch überall stießen sie auf Vorbehalte und Argwohn. Bald mussten sie erkennen, dass sie wahrscheinlich nie wieder ein „normales“ Leben führen würden. Doch sie ließen sich davon nicht entmutigen. Sie hatten keine andere Wahl. Eines Tages, sie befanden sich auf dem Weg nach Haitabu, wurden sie auf eine seltsame Szene aufmerksam, die sich am Wegesrand abspielte. Ein Mann, der mit einem Wagen unterwegs war, wurde von zwei anderen Männern bedrängt, die nicht einmal wie Wegelagerer aussahen. Als der Mann mit dem Wagen die beiden Kämpfer herankommen sah, rief er laut: „Aah, na endlich Bertram und Herjulf, wo habt ihr gesteckt? Möchtet ihr nicht diesen Männern erklären, dass ich das, was auf meinem Wagen ist, nirgendwo geraubt habe?“ Björn und Arnulf wurden neugierig und näherten sich dem Wagen, woraufhin die beiden aufdringlichen Männer schleunigst davoneilten. Später lernten sie Tronde, den Wagenführer näher kennen, er war ein kluger und sehr freundlicher Mann. „Wisst ihr,“ sagte er, „in einer Welt wie dieser kommt man nicht sehr weit, wenn man nicht auch ein Schwert zu schwingen vermag. Ich beherrsche diese Kunst leider nicht und wünschte mir deshalb, ich hätte zwei so kräftige Burschen wie euch stets bei mir. Es interessiert mich nicht, warum ihr allein und mit zwei Frauen unterwegs seid. Ihr seid redliche Burschen, das sehe ich euch an.“

So schlossen sich die vier dem Tross an und während ihres Aufenthalts in Haitabu stießen noch einige andere Leute zu ihnen, Frauen und Männer, die gleich ihnen heimatlos geworden waren. Endlich hatten sie so etwas wie ein zu Hause gefunden, wenn auch nicht an einem Ort so doch in einer Gemeinschaft.

Silja trug den Ring, den Björn ihr einst schenkte, nie offen, denn das war zu gefährlich. Vielmehr hing er an einer langen Kette um ihren Hals und so konnte sie ihn immer spüren, ohne dass ihn jemand sah. Das neue unstete Leben fiel ihr schwer, dennoch fühlte sie sich an manchen Tagen fast so glücklich, wie zu den Zeiten, als sie noch im Hause ihres Vaters gelebt hatte.

Lange noch hatte sie sich mit dem Zweispalt ihres Lebens herumgeschlagen, nämlich dass Björn, den sie liebte, ihren Vater erschlagen hatte. Doch während ihrer Reisen lernte sie, die Dinge von verschiedenen Seiten zu betrachten und zu verstehen, dass das Leben seine lichten Seiten ohne die finsteren nicht zeigen konnte und so gelang es ihr, ihren Hass aufzugeben. Was blieb, war die Trauer, die sich hin und wieder einen Weg in ihr Gemüt bahnte. Dann saß sie da, versunken in ihre ganz eigene Welt und weit entfernt von jeglichem Trubel um sie herum. Wer sie in solchen Augenblicken ansprach, musste damit rechnen, ignoriert zu werden. Und wer sie dann weckte, blickte anschließend nicht selten ein leicht verwirrtes Gesicht und hörte die leise Frage: „Was war?".

 

 

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