Home Verein Historie Nordland Kämpfer Handwerk Raubgut Links Termine Kontakt Literatur

 

 

Nach oben Götterfamilie Neun Welten Vinlandsaga

Auszüge aus der Vinland Saga von Josef Nyary

Eine anschauliche Schilderung der Götterwelt der Wikinger.

Wie Leif in die Höhle der Asen hinabsteigt

.....während Bjarne so sprach, folgte Leif auf der anderen Seite des Meeres der fremden Frau und blieb auf der Hut. Die Höhle wand sich in zahlreichen Krümmungen tief in die Eingeweide der Erde hinab, so dass es dem Erikssohn schien, als habe sich dort ein Lindwurm aus dem finsteren Fels einen Weg in die Freiheit gegraben. Am Ende öffnete sich der Gang  zu einer gewaltigen Grotte. An ihren Wänden erblickte der Erikssohn im Schein eines Lagerfeuers die aus Holz geschnitzten Gestalten der alten Asen.

Odin stand in der Mitte, der Walvater mit dem Ger Gungir, der nie im Stoß innehält und nie sein Ziel verfehlt. Sleipnir, des Gottes achtbeiniges Streitross, schien voller Ungeduld auf das nächste Gefecht zu warten. Neben dem Ordner des Weltgeschehens erhob sich Thor, sein stärkster Sohn, auf seinem Streitwagen. Heftig zerrten die Steinböcke Zahnknirscher und Zahnblecker an ihren Zäumen. Der Zaubergürtel Megingjord, der Thors Kraft noch verdoppelt, umwand die breiten Hüften des Asen. In seinen Eisenhandschuhen hielt der Rotbärtige den Hammer Mjölnir, den unaufhaltsamen Zermalmer aus der Zauberschmiede der Zwerge , der aus Helmen und Hirnschalen Mehl macht.

Hinter Thor standen seine Gemahlinnen: Sif, die goldhaarige Hüterin seiner Sippe, und Jarnsaxa mit dem ehernen Schwert, die schöne Riesin, deren Liebreiz sogar den Groll des Gottes gegen das Thursengeschlecht bezwang. Auch den weißbewimperten Baldur sah Leif dort, am Steven des Schiffes Ringhorn, das ihn zur Unterwelt trug. Dahinter erhob sich die hohe Gestalt Njörds, des Wanen , der nach Odins Tod über Schweden herrscht. Njörds Sohn Frey, der Herr der fruchtbaren Felder, führte den Eber Goldborste und hielt das Wunderschiff Holzblatt in Händen. Es ist groß genug, alle Asen in voller Rüstung über das Meer zu tragen. Wenn man es aber zusammenfaltet, passt es in eine Hemdtasche.

Freys Schwester Freya trug ihr farbenschillerndes Falkengewand. Der berühmte Schmuck Brising, das schönste Werk der vier kunstreichen Zwerge, funkelte an dem schlanken Hals der liebreizenden Göttin. Odins Gemahlin Frigg war gleichfalls in Zauberfedern gewandet, mit denen sie über Länder und Meere zu fliegen vermochte. Auch Heimdall, den Weißen Asen, Sohn von neun Müttern, Tyr, den einarmigen Kriegsgott, und viele andere Himmelsherrscher sah Leif..........

 

 

Wie der Mönch Tyrker Asgard schaute

Höher selbst als die sich drohend auftürmende Wetterwolke am Himmel, weißer als frisch gefallener Schnee auf einem unbetretenen Gipfel, glänzender als selbst das spiegelnde Eis der grönländischen Inlandsgletscher und leuchtender als die gleißende Sommersonne ragte die herrliche Götterburg aus einem grünenden Tal, das sich so weit wie das Weltmeer erstreckte. Die Torflügel strahlten so hell wie zehn Monde, die Zinnen der Zauberburg blinkten wie tausend Sterne und auf den Wällen lag ein Schein wie von zehntausend feurigen Flammen. Soviel Helligkeit ging von dem Göttersitz aus, dass Tyrker das Gesicht abwenden musste und ihm Tränen zwischen den Lidern hervorquollen. Erst nach einer ganzen Weile vermochte er sich an das blendende Licht zu gewöhnen, das selbst aus dieser Ferne noch wie Messerstiche in den Augen schmerzte.

»Was ist das?« keuchte der Mönch. »Nie zuvor sah ich Ähnliches! Dort, dieser Regenbogen fast scheint es, als würde er mitten in diesem Glanz geboren!<‘

>>Das ist Bifröst, die Brücke der Götter erklärte Thorhall bewegt. »Keinem Sterblichen ist es vergönnt, sie zu betreten. Siehst du das lodernde Feuer inmitten des Bogens? Es hält die Berg- und Reifriesen ab, den Himmel zu stürmen. Jene Halle dort vorn aber, die an dem Steig steht, heißt  Himmelsburg und ist Heimdalls weitschauende Warte. Hundert Meilen weit sieht dieser Wächter. Er braucht weniger Schlaf als ein Vogel und hört die Wolle auf den Schafen wachsen. Wenn das Weltende naht, bläst der Gott das Gellhorn, das du für die Posaune eines deiner Engel hieltst!«

Offenen Mundes starrte der Mönch auf das himmlische Glanzgebilde, dessen Umrisse seine Augen nur allmählich zu enträtseln vermochten. “Und dort?» fragte er. »Was soll das sein, das wie ein Kiel geformt ist?

“Das ist das Dach Noatuns der Schiffsstätte«, sagte der schwarze Hüne ehrfürchtig. »Njörd, der Ase der Meere, wohnt dort, der auch dem Wind und dem Feuer gebietet und frommen Fischern ergiebige Fänge beschert!«

Tyrker fuhr sich mit der Zunge über die trockenen Lippen. »Wer aber wohnt in dem Wald darunter?“ wollte er wissen. »Diese Bäume scheinen mir höher zu wachsen als alle anderen auf der Welt!«

>>So ist es auch», erwiderte der Waidmann mit Stolz, »denn es sind Ulls rotstämmige Eiben. Nach ihnen heißt dieser Ort Ydalir. Aus ihrem Holz schnitzt der Jagdgott die Bogen und Speere. Viele Opfer brachte ich ihm und hoffe ihm nach meinem Tode in seinem Eibental zu besuchen»

»Und neben Ydalir?« fragte der Mönch als nächstes und fuhr sich mit der Hand über die steile Stirn. »Dort funkelt es, als wäre der Boden ganz mit Edelsteinen bedeckt!«

»Kleinodbank heißt dieses Haus». erläuterte Thorhall, erfreut über Tyrkers Staunen. »Saga hält dort Hof, Odins Tochter, die täglich mit ihrem Vater aus goldenen Bechern trinkt. Die Taten der Helden bewahrt sie und soll dereinst auch von meinen erzählen!«

Staunend rollte der Mönch die vorstehenden Augen. »Dort dieses Dach !« rief er. »Ist es mit Silber gedeckt?

»Glastheim heißt diese Halle<<, belehrte der Hüne ihn, »Forseti wohnt dort, Baldurs Sohn, der die Gerechtigkeit hütet. Frieden, Eintracht und Versöhnlichkeit herrschen in seinem schimmernden Haus, doch nur für den, der selbst das Rechte tut und keine Angst hat, dem Unrecht mit eigener Hand zu wehren!«

«Noch heller strahlt der Bau darüber». sprach Tyrker ungläubig. »Gold bedeckt ihn bis zum Giebel!«

«Das ist Breitglanz, Baldurs heiliges Heim«, schilderte Thorhall, »die Stätte der Reinheit, der schönste aller Paläste. Niemals tat Odins Sohn Unrecht! Dennoch muß er nun in finsterer Unterwelt hausen, Opfer des tückischen Loki, der Göttern und Menschen verhaßt ist!« Der Mönch hob wieder die Hand vor die Augen und kniff die Lider zusammen. «Dort steht ein Schloss in einem Garten, das scheint mir noch um vieles größer«, sagte er voller Verwunderung, »nicht einmal die Pfalzen des Kaisers besitzen solche Maße!«

«Dort überschüttet Freya die Gäste, die zu ihr kommen, mit allen Freuden der Welt«, erwiderte Thorhall ergriffen. »Sessrumner, der Vielsitzige, heißt ihr Saal, in dem sie die Frauen der Helden zum Dienst der Liebe um sich versammelt.«

<Welche Pracht!« entfuhr es dem Mönch. «Welche Fülle! Auch auf der anderen Seite Gold und Juwelen glitzern dort, als sei dieses Haus aus den Kronen von Kaisern errichtet!«

«Das ist Friggs Feensaal“‘ lachte der Waidmann, ‘»die Falkengewandete herrscht dort, Odins Gemahlin, die Mutter der Götter und Könige aller Asen. Das Gold verwaltet sie und schafft den Überfluss. Zwei weiße Luchse ziehen ihren Wagen, wenn sie nach Midgard hinabeilt, unglücklichen oder bedrängten Menschen zu helfen.«

»Wem aber ist dieses Haus zu eigen dessen Dach sich dort wölbt wie ein Schild?« fragte der kleine Mann und beschattete sich die Stirn. »Es gleißt, als läge dort ein Spiegel, groß wie ein Kornfeld, unter der strahlenden Mittagssonne

«Dort erhebt sich Thors hohe Halle«, antwortete der schwarze Hüne ehrfürchtig. «Bilskirnir, Spiegelschild, nennen wir sie. Thors Wohnstatt selbst aber ist, wie du wohl weißt, Thrudheim, Starkheim, geheißen, weil es den Tapfersten aller Asen beherbergt. Höher als er steht nur 0din selbst.«

«0din«, flüsterte Tyrker tonlos und hob den Blick. Ein greller Lichtschein erhellte sein zuckendes Antlitz.

«Ja«, sprach der Waidmann, «dort oben wohnt der Walvater, hoch über allen anderen Asen. Walaskjalf heißt seine Halle, Hlidskjalf aber sein Hochsitz, von dem aus er über die ganze Welt blicken kann. Auch uns sieht er. Darum will ich dich nun fragen: >>Bist du bereit, dem Knechtsgott abzuschwören und den Asen treue Gefolgschaft zu schwören? Wenn du das tust, will ich dich am Leben lassen. Bedenke, welches Glück dich erwartet! Einstmals zum Fraß für Hels Hunde bestimmt, wirst du dann mit Göttern trinken, hochgeehrt von den tapfersten Helden und von den edelsten Frauen begehrt! Mägde werden dir aufwarten, jede so schön, daß du hundert Jahre brauchst um nur den Reiz einer einzigen ganz auszukosten. Gold, Silber und die kostbarsten Edelsteine werden deine Truhen füllen, auf deinem Tisch wird der beste Braten nicht kalt und niemals schwindet der funkelnde Wein aus deinem Becher - was willst du mehr? Gestehe endlich ein, daß die Asen des Nordens mächtiger sind als der Götze des Südens. Speie mit mir auf den feigen Knechtsgott, der dich ja doch nicht mehr retten kann, wenn er es überhaupt will!«

Da stieß ihn Tyrker von sich und rief: «Weiche von mir, du Sohn des Satans! So versuchte Dein Vater einst unseren Herrn zu verleiten, als er ihn auf einen Berg führte und ihm dort alle Reiche der Welt zeigte. Schwach bin ich, ja und nur ein Mensch – dennoch will ich lieber sterben als meinen Gott Verleugnen; du Teufelszauberer, schlimmer Verführer und Diener des Bösen! Ha! Kehre zurück in deinen stinkenden Pfuhl, du Höllengeschöpf – mich wirst du nicht verderben!<<

Der schwarze Hüne sah ihn höhnisch an. Dann sprach er: >> Noch sind wir nicht am Ziel unserer Reise und wenn du Asgards Pracht  auch widerstandst, so will ich nun doch sehen, ob du auch Heilheims Schrecken zu trotzen vermagst.<<

 Zu den Trutzburgen der Riesen

Mit diesen Worten wandte er sein Pferd, trieb es talwärts und zog die anderen Tiere mit straffer Hand hinter sich her. Während sie über die steilen Felsen hinunterstiegen, sammelten sich wieder Wolken am Himmel und bald war die herrliche Götterburg ihren Blicken entrückt. Der Wind wehte immer stärker und wirbelte schwarzen Sand auf.

Unter überhängenden Felsen verbrachten die beiden Männer und ihre Tiere eine unruhige Nacht. Am Morgen lag eine dünne Eisschicht auf dem pechfarbenen Boden. Um die Mittagsstunde begann es zu schneien. Da kamen Thorhall und Tyrker an einen Fluß voll kohlschwarzen Wassers. Verwundert starrte der Mönch auf die Wellen, denn sie bewegten sich nicht, sondern schienen zu Stein erstarrt.

>>Wer hat diesen Strom verhext?<< fragte Tyrker klopfenden Herzens. >>Hausen hier Magier, der gleichen Wunderkraft mächtig, die einst den Fluten des Jordan zu stehen befahl? Aber das kann doch nicht sein!<< Schaudernd sah er, daß die Schneeflocken auf der Oberfläche nicht liegen blieben, sondern verschwanden, als ob es sich wirklich um Wasser handelte. Rauch kräuselte sich über den schwarzen Wogen.

>>Das ist der Fluss, der die Gefilde der Götter von denen der Riesen und Zwerge trennt<<, antwortete der Waidmann. >>So sagte Odin in seinem Wissensstreit mit dem weisen Thursen Wafthrudnir, dem Steller verwickelter Fragen:

>>Ifing der Strom heißt,

Der wider den Riesen

Das Land der Götter begrenzt.

Offen dahineilen

Soll er in Ewigkeit.

Niemals engt Eis ihn ein.<<

Vorsichtig ritten sie über das schwarzglänzende Gewirr ineinander verschlungener Wellen, die sich wie steinerne Knäule kampflustiger Nattern, Ottern und Vipern unter den Hufen der Pferde dahinschlängelten. Dampf quoll aus dem steinernen Strom und Tyrker spürte eine Hitze, als ob der Boden aus niemals erkaltender Asche bestünde. Da wurde es dem Mönch noch unheimlicher zumute. Thorhall aber lächelte grimmig und rief ihm zu:>> Asgard liegt hinter uns. Wappne dich nun, die Schrecken der Schattenwelt zu schauen, für die du dich in deinem Trotz entschiedst!<<

Der Hüne lenkte sein Pferd auf einem schmalen, gewundenen Pfad am Rand des Schwarzschlangenstroms an immer seltsameren Steingebilden entlang. Nebelfetzen flossen zwischen den Füßen der furchteinflössenden Felsriesen umher wie schwarzes Blut unter den Stiefeln eisengepanzerter Krieger auf einem nächtlichen Schlachtfeld. Die Pferde sanken bis zum Hufbart in lose Schlacke und ein schneidender Wind trieb den Kohlensand in dunklen Wolken davon. Immer dichter schlossen sich die Reihen der Schreckensgestalten. Aufsässig stemmten sie mit ihren klobigen Fäusten Schilde aus Felsplatten gegen den Himmel, als ob sie darauf gefasst wären, dass von dort nun gleich Thors Blitze herabfahren würden. Drohend schwangen sie zugleich ihre gewaltigen Streithämmer. Es war, als wogte das Heer der Thursen von allen Seiten zum Kampf mit den Göttern heran. Wenn Tyrker die schwarzen Unheilsgestalten aber fest anblickte, standen sie wie starr und leblos, so wie die Dunkelalben, wenn sie ein Sonnenstrahl trifft.

Meile um Meile folgte der Waidmann den Wellenbergen dieser versteinerten Sintflut. Immer wieder mussten sie um tiefe Spalten, Schluchten und Klüfte reiten. Oft wichen sie riesigen Mahlströmen aus, die in trügerischer Trägheit vor ihnen lagen, umgeben von vielen zehntausend zerborstenen und zersplitterten Blöcken, die Zeugnis von der zerstörenden Kraft der entsetzlichen Wirbel ablegten.

Einige Stunden später bog Thorhall vom Ufer des Stroms in das Innere des gespenstischen Landes. Je weiter sie in diese wüste Welt vordrangen, desto tiefer senkten sich nun Gewitterwolken herab, bis ihre Säume die Gipfel der Berge berührten. Dort ragten nun die Trutzburgen der Riesen empor, mächtige Felsenschlösser mit zahllosen Zinnen, sternenhohen Türmen, bewehrt mit Erkern und Pechnasen, Vorwerken und überdachten Gängen, eng an die steilsten Felswände geschmiegt, steingewordener Ausdruck irdischer Aufsässigkeit gegen den himmlischen Zorn. Mauer und Wälle, vielfach schon durch Wettergeschosse durchbohrt, trotzten den göttlichen Waffen noch immer in steinerner Standhaftigkeit, die sich nicht um Sieg noch Niederlage schert. Kein Kraut, nicht ein einziger Halm wuchs auf diesem Kampfplatz der Riesen.

Rasch ritten beide Männer durch die gedrängten Reihen der Thursen, da rollte schon aus der ferne Thors Donnerwagen herbei. Schwarzes Gewölk schob sich gegen die Gipfel. Dann zuckten Blitze herab. Krachend fuhr der Krafthammer auf die Schilde der Riesen nieder. Steintrümmer regneten herab und große Felsbrocken rollten rumpelnd ins Tal. Schnell trieb der Waidmann die Pferde unter eine überhängende Felswand. Regengüsse rauschten zur Erde, füllten die flachen Mulden und sammelten sich zu einem reißenden Strom, der wütend die schmale Schlucht durchtoste und alles mit sich riß, was sich auf seinem Weg befand. Schauerlich klang das Getöse des Streits wie in dem alten Lied, da es heißt: >>Felsen krachten, Klüfte heulten, die alte Erde fuhr ächzend zusammen.<<

Da sagte Tyrker, elend vor Kälte, Nässe und Schwäche: >>Ich kann nicht mehr weiter. Töte mich hier, du Ungeheuer! Schlimmer kann es nicht sein, selbst wenn du an mir den Blutaar vollziehst!<<

>>Du irrst, wenn Du meinst, dass du jetzt schon die Neige der Schrecken kostest<<, antwortete der schwarze Hüne mit grausam blitzenden Augen, >>denn in Wahrheit hast du erst genippt am übervollen Kelch deiner Qualen.<<

Das Unwetter tobte die ganze Nacht und ließ an Heftigkeit nicht nach, bis der Morgen graute. Dann brach die Wolkendecke auf und Allglanz, der Heilschein des Himmels, schleuderte wärmende Strahlen in die schwarze Schlucht. Blausträhnige Bäche stürzten von den Flanken der Berge, prallten weißgischtend in steinerne Kufen und flossen milchfarben davon.

Immer häufiger öffneten sich große Höhlen, in denen die gesammelten Wasser der weinenden Wolken versanken. Ein Brodeln und Zischen scholl dort aus der Tiefe herauf. Bald kam ein Hämmern und Klopfen hinzu, ein Pochen und Schlagen und dazu ein Fauchen wie aus tausend Blasebälgen.

>>Wohin schleppst du mich jetzt, du Sohn des Antichrist?<< fragte der Mönch; er war bleich wie der Tod. >>Ist es das, was du die Pforte der Unterwelt nennst?<<

>>Wir reiten durch Schwarzalbenheim<<, gab der dunkelgesichtige Hüne zur Antwort. >>Dort in der Finsternis tagferner Grotten hausen die zauberkundigen Zwerge, der Schrumpfhäutige, der Leichenblasse, der Totengesichtige und wie sie noch alle heißen. Kein Sonnenstrahl dringt in ihre Wohnungen; hörst Du wie ihre Essen zischen, ihre Schmiedehämmer zuschlagen? Unschätzbare Kostbarkeiten warten auf den, der sich in ihre Werkstätten wagt.<< Er deutete in eine Höhle. Die steilen Wände strahlten so hell, als seien sie mit Gold und Silber verkleidet, und große Klumpen edler Metalle lagen in Fülle auf ihrem Boden umher.

Immer tiefer schnitten die Schluchten nun in die Erde. In die größte lenkte der Waidman die Pferde. Vorsichtig tasteten sich die Tiere über die steilen Stufen einer gewaltigen Felstreppe hinab. Grau und schwarz glänzten die feuchten Steinwände. Überall reckten Dornbüsche drohend die spitzen Stacheln. Zwischen ihren Zweigen leuchtete es wie gebleichte Knochen hervor. Ein modriger Hauch wehte den Männern entgegen und ein fernes Brausen drang an ihre Ohren. Immer lauter dröhnte das geheimnisvolle Rauschen, und als sie um eine Felszacke bogen, zog Tyrker erschrocken sein Pferd so straff an den Zügeln, dass es sich aufbäumte und den Mönch fast aus dem Sattel geschleudert hätte.

>>Ja, Pfäfflein !<< rief Thorhall spöttisch. >>Reiße die Augen nur auf, staune und zage! Denn diese Brücke führt in die Heimstatt der Toten, in der die Neidinge hausen und alle Ehrlosen, für die im luftigen Walhall kein Platz ist. Sieh dir den Gjöllfluß gut an! Noch in dieser Stunde sollst du ihn überqueren und danach nie wieder in die Lichtwelt zurückkehren!<<

Im Reich der Totengöttin

Aus schreckgeweiteten Augen blickte Tyrker auf den grausigen Unterweltfluss. Brüllend schleuderte der böse Strom seinen stinkenden Schaum durch die schmutzigen Felsen. Übelriechende Nebel wallten empor. Wo der Sprühregen der fäulniserregenden Wasser die Wand benetzte, bildeten sich pechfarbene Blasen, blähten sich auf und zerplatzten mit scheußlichem Schmatzen. Über den stürzenden Höllenbrei führte in schwindelerregender Höhe ein Steg, der aus der Tiefe so schmal erschien, als könne kein Vogel darauf sitzen. Gleichwohl trat Thorhall mit festem Schritt auf die Gjöllbrücke zu. Einige Felsbrocken lösten sich unter den Stiefeln des Hünen und stürzten hinab in den schaurigen Schleim, wo sie zischend versanken.

>>Nein<< flüsterte Tyrker mit grau verfärbtem Gesicht. >> Nicht dort hinüber, du Teufelsknecht! Tue mit mir was du willst – es wird mich nicht stärker schrecken als dieser Auswurf des Satans!<<

Der Waidmann stieß ein höhnisches Lachen aus; grausig schallte es von den Felswänden wider. >>Armseliger Wicht<<, spottete der schwarze Hüne dann. >>Schon vor dem geringsten Schrecken der Unterwelt verlässt dich der Mut? Warte, was dir noch begegnet, ehe du endlich zu Hel hinabfährst, wie ich es dir schon vor langem gelobte!<<

Er wickelte Stoffbinden um die Augen der scheuenden Hengste und führte sie dann der Reihe nach über den Steg. Dann packte er den zitternden Mönch, warf ihn sich über die Schulter und trug ihn ans andere Ufer.

Schritt für Schritt suchten sich die Pferde dort einen Weg durch die düstere Schlucht des Helweges. Grünbemoostes Geröll bedeckte den Boden. Kein Vogel sang, keine Biene brummte, nicht einmal eine Mücke summte in dieser riesigen Aschenfurche. Ein eisiger Luftstrom floss zwischen den schrägen Wänden entlang. Dann klafften zur Linken die Kiefer einer gewaltigen Grotte. Farne wehten von einem Dach, das höher als selbst die Giebel von Nidaros ragte. Vor dem Eingang wölbte sich ein Felsbuckel; auf seinem Rücken trug er die starren Züge einer uralten Frau.

>>Hel?<< flüsterte Tyrker entsetzt.

>>Das ist das Grab der Großen Seherin<<, antwortete der Waidmann, >>der uralten Wölwa. Einstmals von Odin geweckt, weissagte sie dem Walvater Baldurs Tod.<<

Schaudernd starrte der Mönch in das grause Gesicht. In der Finsternis der Wölwahöhle schienen Schlangen umherzukriechen und auf dem Grund wallte Tang. Dann hüllten Nebel die Grotte ein. Auch den Boden der Schlucht bedeckten die schwebenden Schwaden und ein dumpfes Grollen drang aus der Rinde der Erde herauf.

>>Nun<<, sagte Thorhall, >>will ich auch den letzten Teil meines Versprechens erfüllen und dir die Halle Hels zeigen, wo du fortan für alle Zeiten wohnen sollst.<<

Wie als Antwort tönte nun ein herzzerreißendes Schluchzen durch die schwefeldampfenden Berge, ein Heulen, Jammern und Klagen, Wimmern und Winseln, dass Tyrker Tränen in die Augen traten. Es klang, als würden viele tausend verzweifelte Menschen auf die entsetzlichste Weise gequält und gefoltert von Teufeln, die weder Mitleid noch sonst eine menschliche Regung empfanden. So grausig klang das Geheul der Gepeinigten, dass der Mönch die Hände auf die Ohren preßte. >>Nein!<< schrie er durch das Tosen der Totenstimmen. Im nächsten Augenblick zog Thorhall Tyrkers Pferd hinter sich um eine Biegung, und voller Entsetzen erkannte der Mönch, dass er nun endlich am Höllentor stand.

Zwischen gelblichen Schwefelfeldern öffnete sich ein riesiges Loch, kreisrund geformt wie der Rand eines Kelches, doch tausendmal größer. So weit dehnte sich dieser Abgrund, dass das jenseitige Ende im Nebel verschwand. Feuerflüsse, rot wie Blut, quollen aus gähnender Tiefe hervor und strömten lodernd über die riesigen Kanten der grausigen Grube, so wie geschmolzenes Erz aus einer Esse rinnt. Knisternd und knackend bahnte die wandernde Glut sich den Weg durch die rußschwarzen Felsen. Die Hitze der Lohe nahm Tyrker den Atem. Immer wieder fuhren Feuerstöße aus dem schaurigen Schlund. Haushohe Flammen schlugen zum Himmel, glühende Felsbrocken prallten gegen die wunden Wände der Bergriesen ringsum. Starr vor Schrecken schaute der Mönch auf den feuerspeienden Abgrund und konnte den Blick nicht abwenden. Da sagte Thorhall: >>Nun Pfäfflein? Graust es dich recht? Ja, es ist ein Unterschied, ob man nur mit dem Mund die Hitze der Christenhölle beschreibt oder die Schrecken Hels mit eigenen Augen erkennt!<<

>>Christus, errette mich!<< rief Tyrker in höchster Not. >>Lasse mich nicht in diese Hölle stürzen, Herr, ich bitte Dich!<<

Der schwarze Hüne lachte voller schrecklicher Freude. Dann ergriff er den kleinen Mann am Genick und schob ihn vor sich her bis an den äußersten Rand der Feuergrube. Riesige Erdfunken sprühten über ihre Köpfe hinweg und schweflige Dämpfe beizten ihre Kehlen und Lungen.

>>Sieh dir deine künftige Heimstatt gut an, Pfäfflein<<, sprach der Waidmann. >>Gleich wirst du in Feuer baden, dich mit Asche trocknen und auf scharfe Splitter betten! Mit stinkendem Schwefel wird Hel dich speisen, mit flüssigem Eisen tränken, ehe sie dir das Mark aus dem Bein und das Hirn aus dem Kopf saugt, bis nur eine nutzlose Hülle zurückbleibt. Das ist es, was dich jetzt erwartet, du Hund von einem Knechtsgottsanbeter!<<

>>Jesus<<, betete der kleine Mann und schlug die Hände vor das aschfahle Gesicht. >>Lasse es nicht geschehen, ich bitte dich! Rette mich, ich flehe dich an!<<

Höhnisch blickte der Waidmann auf sein Opfer herab. Dann hielt er wie lauschend die Linke ans Ohr. >>Ich kann deinen Gott nicht hören<<, spottete er. >>Kann es sein, dass er gerade ein Nickerchen hält? Schwöre ihm endlich ab, da du doch sehen musst, dass er dich nicht zu retten vermag! Wenn du dich aber den Asen zuwendest, werde ich dich verschonen.<<

Da nahm Tyrker all seinen Mut zusammen und rief: >>Auch an diesem Ort wirst du mich nicht zum Abfall von Gott verleiten, du Teufel! Denn lieber stürze ich in diesen Schlund, als dass ich meine unsterbliche Seele verliere! Wäre mein Tod in dieser Höllenglut doch nichts weiter als die verdiente Strafe für meine Sünden, die Trunksucht und Unzucht, die ich nun vor meinem Schöpfer offen bekenne!<< Er hob die Hände zum Himmel und fuhr mit lauter Stimme fort: >>Ja, ich habe gefehlt Herr. Viele Male verstieß ich gegen deine Gebote, denn mein Fleisch ist schwach.<<

>>Ich hörte schon davon<<, lachte Thorhall, >>Krähenbeerwein und willige Mägde...<<

>>Nicht nur Mägde<<, gestand der Mönch. >>Auch mit verheirateten Frauen ließ ich mich ein ...Freydis...<<

>>Hund!<< rief Thorhall in höchster Erregung.

>>Sei verflucht!<< sagte der Mönch. >>Ich werde sterben, du aber wirst schlimmer leiden als ich.<<

Ein Zittern lief über den Körper des Waidmanns, Blut trübte seinen Blick und ein schauriger, langgezogener Schrei drang zwischen seinen verzerrten Lippen hervor. Mit beiden Händen hob er Tyrker hoch über den Kopf. >>Hel!<< hallte aus seinem Mund. >>Hier kommt dein Opfer!<< Dann schleuderte er den Mönch in den brodelnden Abgrund hinab.

Tyrker stieß einen schrillen Schrei aus. Mit dumpfem Poltern prallte der Mönch gegen Felsen, ehe er in den wabernden Nebeln verschwand. Aus der Erdentiefe schwoll ihm ein schreckliches Zischen entgegen.

 

Zurück zum Anfang

 

Seitenaufrufe:

Berlicumer Marketendertross
Reitende Boten bitte melden bei: info@berlicum.de.